GESCHICHTE EINER POSTKARTE

Hermannsberger Geschichte einer Postkarte.

Eine 103 Jahre alte Postkarte brachte ihn zu mir zurück, den Mann, dessen Vornamen ich über ein Jahr lang verzweifelt gesucht hatte, als ich die Chronik unseres Weingutes schrieb…

Wolfgang Götz, ein Fan von Gut Hermannsberg, war gerade auf den Malediven, als er die handgeschriebene Postkarte eines Direktors der damaligen königlich-preußischen Weinbaudomäne Niederhausen-Schlossböckelheim bei eBay entdeckte und mir dies mitteilte. Was macht man bei eBay, wenn man gerade auf den Malediven sitzt, fragte ich mich zuerst irritiert, doch dann hatte ich tatsächlich das Glück, sie für 28 Euro zu ersteigern. Als ich die Postkarte einige Tage später am Frühstückstisch in den Händen hielt und versonnen den Namen „Vinzenz…“ aussprach, hielt mein Mann beim Kauen inne und fragte kaum hörbar im Flüsterton: „DER Vinzenz?“ Ich nickte und bestätigte: „DER Vinzenz, UNSER Vinzenz“. Dann grinsten wir uns verschwörerisch an und mussten ob der kuriosen Situation laut loslachen…

Denn lange Zeit sah es ganz so aus, als ob es mir nicht gelingen sollte, den Vornamen des 2. Weingutsdirektors herauszubekommen. Von allen anderen hatte ich Lebenslauf, Tätigkeitszeiten, Verdienste und… den vollständigen Namen. Nur von Schmanck nicht. Und was ist eine schon Chronik wert, dachte ich, wenn sie nicht mal die Vornamen ihrer Direktoren benennen kann. Auf sämtlichen historischen Dokumenten, die mir in die Hände fielen, hieß es stets nur „Königlicher Forstmeister Schmanck“ oder bestenfalls auch mal „Weinbaudirektor Schmanck“. Selbst ein Presseaufruf an die Bevölkerung mit zahlreichen Interviews ergab nichts.

Dann, Monate später, als ich schon nicht mehr damit gerechnet hatte, passierte das Unerwartete… Ich hatte wieder einmal einen ganzen Tag lang im Historischen Archiv Koblenz mit Recherchieren zugebracht, als mein Mann den Leseraum betrat, um mich abzuholen. Auf mein Zeichen, dass ich gleich soweit sei, setzte er sich mir gegenüber noch kurz hin und zog- um sich die Zeit zu vertreiben- ein unscheinbares kleines Heft von ganz unten aus dem Bücherstapel heraus. Dann begann er, eher gelangweilt, die Seiten durchzublättern. Es mussten etwa 10 min vergangen sein, als er sich räusperte und mir zurief: „Du, Chris, was würdest du eigentlich dafür ausgeben, wenn ich den Vornamen von Schmanck kennen, wenn ich ihn dir JETZT sagen würde?“… Ich war nicht fähig, gleich zu reagieren, starrte ihn nur perplex und ungläubig an. Das nächste, woran ich mich erinnere war, dass von nebenan jemand „Ruhe“ zischte, doch das war mir egal. Mein Stuhl fiel polternd hinter mir um, als ich aufsprang und um den Tisch herum zu ihm lief. Er blickte mich triumphierend an und zeigte stolz auf eine Stelle der Seite und dort stand er, der Name, der begehrte, der vielgesuchte… Vinzenz Schmanck!… Mein Jubel und Freudenschrei, als ich meinen Mann umarmte, zog natürlich erneut lautstarken Protest der Archivgäste nach sich, doch was war das schon im Vergleich zu der kostbaren Entdeckung, die da vor mir lag… Btw, die gerahmte Postkarte ist heute in der historischen Ausstellung auf Gut Hermannsberg zu besichtigen.

Dr. Christine Dinse ist Miteigentümerin und Autorin der Chronik des Weingutes, die auch die spannende deutsche Weinbaugeschichte behandelt und die käuflich zu erwerben ist. Zur Chronik …

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